Leseforum Schweiz. Literalität in Forschung und Praxis

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Sprachreflexion und Literalität

Sprache wird selbstverständlich als Kommunikationsmittel verwendet, sie formt die Wirklichkeit sowie unser Denken. Sie kann allerdings auch Gegenstand der Reflexion sein. Von diesem Spannungsverhältnis ausgehend, widmet sich die vorliegende Ausgabe von Leseforum.ch der Sprachreflexion: 
Das Reflektieren über Sprache und Sprachen ist zunächst Bildungsgut, befördert darüber hinaus aber auch den Erwerb von Bildungs- und ästhetischer Sprache. Sich sachbezogen angemessen ausdrücken zu können bzw. sachbezogene Sprache zu verstehen, ist grundlegend für schulischen Erfolg. Dazu gehört ebenso, sich an der Ästhetik von literarischen mündlichen und schriftlichen Texten zu erfreuen und Sprache zum Ausgangspunkt für die Auseinandersetzung mit Literatur zu machen. Mehr

  • In diesem Beitrag werden die konzeptionellen Grundlagen zur Strukturierung des Themenfelds «Sprachreflexion» im Lehrplan 21 dargestellt und kritisch reflektiert. In den ersten beiden Kapiteln wird die Mehrdimensionalität des Begriffs «Sprachreflexion» diskutiert: Es wird dabei grundsätzlich zwischen der Reflexion über Sprache als Objekt und der Reflexion über Sprachhandlungen unterschieden. Bei Sprache als Objekt wird weiter unterschieden zwischen der Reflexion über pragmalinguistische Themen – wie Gesprächsregeln, Textsorten, Umgang mit Standard und Mundart, Mündlichkeit/Schriftlichkeit und vielen anderen – und über Sprachstrukturen bzw. Grammatik im engeren Sinn.
    Als Ausgangs- und Kristallisationspunkt für sprachdidaktische Überlegungen fungiert der (traditionelle) Grammatikunterricht, dies nicht darum, weil dieser im Gesamt des Sprachunterrichts besonders wichtig wäre, sondern weil er zum einen eine lange Tradition verschiedener Legitimationsdiskursen aufweist, zum andern, weil er bis heute mit ‹Nachdenken über Sprache› bzw. Sprachreflexion gleichgesetzt wird, was eine eingeschränkte begriffliche Füllung darstellt.

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  • Ausgehend von zwei aktuellen Beispielen der Kinderliteratur, die das literarische Schreiben thematisieren, wird aus literaturwissenschaftlicher Perspektive aufgezeigt, dass solche metapoetischen Reflexionen und Digressionen in Kinderbüchern keineswegs nur ein Phänomen der Gegenwartsliteratur oder der Literatur der Postmoderne sind: Schon Mitte des 19. Jahrhunderts macht der Winterthurer Kinderschriftsteller August Corrodi das Geschäft des Geschichtenmachens in verschiedenen fiktionalen Texten zu einem zentralen Thema. Eine schulische Lektüre (Sekundarstufe I oder II) seiner Texte könnte als Vergleichsgrösse zur Lektüre zeitgenössischer metafiktionaler Texte fungieren und so die Unterrichtsinhalte Sprachreflexion, Schreiben als Prozess und Nachdenken über das Spiel mit Wirklichkeit und Fiktion historisch vertiefen. Die Analyse fördert formale und funktionale Ähnlichkeiten der metaliterarischen Verfahren in den betrachteten zeitgenössischen und historischen Texten zutage. Diese Verfahren lenken die Aufmerksamkeit der Rezipient:innen auf das Handwerk und auf die Prozesshaftigkeit des literarischen Schreibens und zielen damit auf einen zentralen Bestandteil von Literalität, nämlich auf das Bewusstsein von Ästhetik, Fiktionalität und Textualität der Literatur.

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  • Der vorliegende Beitrag legt dar, wie mit Bilderbüchern Sprachreflexion im Hinblick auf Sprachbildung betrieben werden kann. Bereits ein Blick auf die kindliche Entwicklung veranschaulicht, dass sich Kinder schon im Vorschulalter für Sprache und ihre Eigenheiten interessieren und erste spontane Erfahrungen mit Sprachreflexion machen. Später werden solche Äusserungen im Unterricht aufgegriffen und die Schüler:innen zunehmend bewusst auf sprachreflexive Begebenheiten aufmerksam gemacht, wie sie zum Beispiel beim Vorlesen und Erzählen von Bilderbüchern auftreten (Abschnitt 1). Der Beitrag beschreibt, wie Bilderbücher mit ihrer modalen Charakteristik zur Sprachreflexion genutzt werden können. Anhand ausgewählter Bilderbücher werden in Abschnitt 2 verschiedene Felder der Sprachreflexion aufgezeigt und deren Verankerung im Lehrplan 21 dargelegt. Wie Sprachreflexion praktiziert werden kann, wird in zwei Unterrichtsideen vorgeschlagen. Dies geschieht anhand der beiden Bilderbücher, «Die Waldlinge» (Stalder, 2020) in Abschnitt 3 und daran anschliessend in Abschnitt 4 für «Die Tode meiner Mutter» (Haslbauer, 2021). Der Beitrag schliesst mit einem Fazit in Abschnitt 5.

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  • Grammatikunterricht hat auf der Sekundarstufe II in den Gymnasien und Berufsmaturitätsschulen gemeinhin einen hohen Stellenwert, ist aber oftmals nicht situiert und erschöpft sich in der Benennung grammatischer Kategorien. Auf Basis dieser Beobachtung haben wir eine Unterrichtseinheit entwickelt, die einen sprachreflexiven Zugang zu Grammatik an der Schnittstelle zur Textlinguistik eröffnet, und diese in verschiedenen Klassen an Gymnasium und Berufsmaturitätsschule erprobt. Die Einheit ist nach den Prinzipien des dialogischen Lernens nach Ruf und Gallin (1999) gestaltet und hat zum Ziel, das Bewusstsein der Schüler:innen dafür zu fördern, was Kohäsionsmittel für die Verständlichkeit von Texten leisten. Die Unterrichtseinheit ist explorativ angelegt: Als Impuls dienen zwei syntaktisch unterschiedliche Paralleltexte, deren Vergleich zur Sprachreflexion anregt und auch schreibdidaktisch nutzbar gemacht werden kann. Abschliessend wird aufgezeigt, welche Implikationen die gemachten Erfahrungen für den Grammatik- und Sprachreflexionsunterricht auf Sekundarstufe II haben.

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  • In einem Gespräch reflektieren zwei Deutschdidaktikerinnen verschiedenen Fragen rund um den Grammatikunterricht auf der Primarstufe vor dem Hintergrund folgender Problemlage: Für den traditionellen Grammatikunterricht wird zum Teil auch heute noch (zu) viel Zeit auf der Primarschule verwendet, obwohl mittlerweile bekannt ist, dass die Schüler:innen die dafür beanspruchte Lernzeit für Sprachhandlungen wie Lesen und Schreiben dringender benötigen würden und Grammatikunterricht sich sogar negativ auf die Textqualität auswirken kann (vgl. u.a. Philipp, 2012; Graham, Harris & Santangelo, 2015). Mit der Einführung des Lehrplans 21 wurde der rein normative Zugang durch einen reflexiven Ansatz (vgl. «Sprache(n) im Fokus») ergänzt, der neben der Reflexion über Sprachstrukturen insbesondere auch den Sprachgebrauch thematisiert. Jedoch ist für eine reflexive Grammatikvermittlung ein vertieftes linguistisches bzw. sprachsystematisches Wissen seitens der Lehrperson vonnöten, das in einem Bachelorstudium nicht vollends erworben werden kann. Es stellt sich also die Frage, in welcher Form Sprachreflexion auf der Primarstufe sinnvoll und leistbar ist.
    In der Diskussion der beiden Deutschdidaktikerinnen wird die Grammatikvermittlung aus inhaltlicher, methodischer und didaktischer Perspektive problematisiert. Dabei wird der Bereich «Sprache(n) im Fokus» in den Vordergrund gestellt. Erkenntnisse aus dem fachdidaktischen Diskurs und Erfahrungen aus der Lehrer:innenausbildung sowie aus eigener Unterrichtstätigkeit an Primarschulen bilden dabei die Grundlage der Diskussion. Der Beitrag richtet sich an (angehende) Primarlehrpersonen, Deutschdidaktiker:innen, PH-Dozierende und Lehrmittelautor:innen, welche sich für Erfahrungen der Autorinnen mit der Sprachreflexion im Unterricht der Primarschulstufe, fachdidaktische, lernpsychologische und linguistische Überlegungen zum Grammatikunterricht bzw. zur Entwicklung von Grammatikaufgaben interessieren. Herausforderungen wie die Auswahl relevanter Garmmatikthemen, die Art der Grammatikvermittlung – sowohl auf der Primarstufe als auch für angehende Primarlehrpersonen – und Möglichkeiten zur Sprachreflexion im (Grammatik-)Unterricht werden thematisiert und mögliche Lösungsansätze aufgezeigt.

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  • Den Satzbau zu erforschen, ist für Schülerinnen und Schüler in vielerlei Hinsicht eine Herausforderung, denn dies setzt Wissen über die Sprache als System voraus sowie die Entwicklung sprachlichen Handelns in Texten. Dieser Beitrag beschäftigt sich zunächst spezifisch mit den «syntaktischen Variationsmöglichkeiten», um ihre Funktion in der Französischdidaktik sowie die dadurch ermöglichten Lernerfolge zu beschreiben. Vor diesem Hintergrund wird die Prozesshaftigkeit im Gebrauch der Syntax als bedeutsam herausgestellt sowie das Klären des Sprachniveaus, auf dem entsprechende schulische Aktivitäten und Aufgaben basieren (syntaktische Phrase, Satz, Text, Textteil usw.). Anschliessend wird das Sprachsystem über die Syntax hinaus betrachtet und die Interaktion zwischen Grammatik und gesellschaftlichem Sprachgebrauch analysiert. Schlussfolgernd werden die didaktischen Auswirkungen der «syntaktischer Variationsmöglichkeiten» im weitesten Sinne und die allgemeinen Prinzipien einer mehrschichtigen Didaktik dargestellt.

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  • Mit der Verbreitung digitaler Wissensmedien verändert sich auch der Rechtschreibunterricht. Die Gebrauchsweisen der Kreidetafel haben sich über viele Jahrzehnte hinweg entwickelt und etabliert. Einen solchen Institutionalisierungsprozess haben digitale Medien nicht durchlaufen. Sie entwickeln sich in rasantem Tempo, bieten andere Potenziale und erfordern andere Gebrauchsweisen als analoge Tafeln. In diesem Beitrag fragen wir aus praxistheoretischer Perspektive danach, wie digitale Medien das Geschehen im Rechtschreibunterricht restrukturieren. Dazu werden zwei Rechtschreibstunden, in welchen digitale Wissensmedien (eine Dokumentenkamera und ein interaktives Whiteboard) zum Einsatz kamen, videosequenzanalytisch ausgewertet. Die daraus resultierenden Konzepte werden fallübergreifend verglichen und zu den Ergebnissen einer früheren Studie zum Beitrag der (Kreide-)Tafel zum Vollzug von Rechtschreibunterricht in Beziehung gesetzt. Die für die Kreidetafel gefundenen Bedeutungen lassen sich für die digitalen Medien nur teilweise bestätigen: Sie sind zwar ebenfalls an der Koordination der kollektiven Kommunikation und der Darstellung des Unterrichtsgegenstands beteiligt, die Organisation von Schule und Unterricht sowie die Legitimation schulischen Wissens erfolgen jedoch weiterhin massgeblich über die analoge Tafel.

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