Lesen über Lesen: Was wäre ein Leseforum, wenn sein Thema nicht konkret würde in Form von Lesestoff? - Nun, das vierte Informationsbulletin liegt vor Ihnen, und Thema und Stoff fallen ineins, während Sie darin lesen.
"Lesen", schreibt Cornelia Rosebrock, "ist eine Art und Weise des Daseins, in der sämtliche denkbaren Erfahrungen gemacht werden können, [...] und die Welt ist latent noch einmal da in Gestalt der Lesemedien, der Texte, die auf sie verweisen, sie interpretieren, sie entwerfen". Das heisst, dass Lesesozialisation nur im und mit dem Lese(lern)prozess vor sich geht, dieser aber nur als genuine, sozialisierende Erfahrung. Damit wird verständlich, dass die Fachdiskussion über Lesen einerseits dann besonders interessant wird, wenn Forschung und Praxis kritisch interagieren (sehr schön z.B. im Beitrag von Daniel Bain et al., Genf, über Lesetests und die Wirklichkeit des schlechten Lesers); und dass anderseits das schlichte Thema "Lesen" unweigerlich in weite kulturelle, gesellschaftliche, geographische, anthropologische, historische Räume führt: Zum Beispiel nach Russland (Andreas Guski); zu den argauischen Schullesebüchern des 19. Jahrhunderts (Matthias Fuchs); auf Schulreise nach Jodhpur (Yvonne Steinemann); oder zur Frage: Warum kann Johnny in USA nicht lesen?, über die der Neuropathologe Jürg Ulrich mit uns nachdenkt. Mehr
Die Zusammensetzung des Hefts ist zwangsläufig durch Zufälle bestimmt. Vielleicht kann man indessen das mehrmalige Auftauchen des Themas Mehrsprachigkeit als Zeitzeichen lesen - sei es als Lernziel (bei Eriksson und Le Pape: Deutsch-Französisch. Zweisprachiges Lernen), als Ausgangslage des in einem Basler Schulhaus entwickelten "Modell Sankt Johanns" (Camenisch); oder als ungelöstes Problem bei den europäischen Kongressen der International Reading Association/IRA (siehe den Bericht von Rosmarie Tschirky).
Interessant die Beiträge zum schulischen Lesen. Andrea Bertschi-Kaufmann und Ruth Gschwend-Hauser verbinden in "Mädchengeschichten - Knabengeschichten" verschiedene, auf den ersten Blick divergente und zugleich je grundlegende Aspekte miteinander: Das Geschlechterthema soll vom Plural individueller Lesewege durchwandert werden. Die Selbsttätigkeit der Schülerinnen - freies Lesen! - zwingt die Lehrenden zu umso differenzierteren methodisch-didaktischen Kenntnissen und Reflexionen. Hier wie anderswo begegnen wir dem schwer aufzulösenden Widerspruch zwischen Wollen und Müssen, zwischen Fachdidaktik und laienhaftem 'Lesen einfach so'. Und wenn der Deutschdidaktiker Kurt Gilgen in "Ohne Brille" vehement den Laien-Part übernimmt, dann zieht er wohl gerade damit eine höchst folgerichtige, methodisch-didaktische Konsequenz...
Was Lesen ist, lässt sich nie ganz erfassen. Damit ist aber auch kein Ende des Lesens in Sicht; es bleibt ein Rest, eine Art Wunder. Was möglich ist, sind Annäherungen an das "Lesen aus verschiedenen Perspektiven". So lautet denn auch der Titel des Leseforum-Symposiums in Bern am kommenden 8. November. Für 1996 planen wir eine internationale Tagung mit neuen Ergebnissen zur Leseforschung und einen didaktisch-methodischen Workshop zum Thema LautlesenA/orlesen in der Schule (Gretchenfrage: Lust oder Frust?). Veranstaltet vom Schweizerischen Jugendbuch-Institut, wird uns sodann ein Kolloquium über Bild-Lesen (visual literacy) beschäftigen, ein noch wenig erschlossenes Forschungsfeld. In Fortsetzung dieser Publikation wird über diese und andere Themen auch weiterer Lesestoff folgen.
Wir danken allen, die zu diesem Heft beigetragen haben, und wünschen viel Vergnügen beim Lesen über Lesen!
Anna Katharina Ulrich