Zum siebenten Mal legt die Fachgesellschaft Leseforum Schweiz / Forum suisse sur la lecture ihr jährlich erscheinendes Bulletin vor. Umfang und Auflage sind grösser geworden, Zweck und Ziel lassen sich nach wie vor mit dem Bild umschreiben, das wir dem ersten Heft voranstellten: es möge funktionieren als Netz, ausgeworfen in verschiedenste Fischgründe, sprich Forschungsgebiete und Arbeitsfelder, in denen das Lesen thematisiert wird."Lesen" hat viele Lesarten. Es geht um das Zusammenspiel von Buch- und Mediennutzung - so in Heinz Bonfadellis neuer Untersuchung zur Frage des Buchlesens Erwachsener in der Schweiz. Oder um Lesepädagogik – wobei etwa Basil Schaders Plädoyer für die möglichst früh geweckte Leselust, sich verknüpfen lässt mit den Untersuchungen von Deepa Mazumdar und François Gaillard, die nachweisen, dass es zum ersten Leseverständnis ein schon vor der Alphabetisierung vorhandenes, persönliches "Verständnisgepäck" des Kindes braucht. Mehr
So viele Menschenkinder, so viele Wege zum Lesen. Davon zeugen fünf höchst eigenwillige persönliche "Lesegeschichten", aber auch eindrückliche Entwicklungsschübe ausgesprochen "schwacher" Leserinnen und Leser, von denen die erfahrene Praktikerin Martha Böni berichtet. Wo liegen Stolpersteine? Unerwartet häufig scheinen um die Zeit des Schulanfangs Sehschwierigkeiten verkannt zu werden, wie aus der von H. Mario Huber referierten Reihenuntersuchung Stans 1996 hervorgeht. Andererseits kann, wie Monika Wyss und Werner Kolb dokumentieren, eine Berufsmatur noch manch jungem Erwachsenen das Tor zur Buchwelt öffnen.
Viele Lesewege sind geprägt von einem Plural der Sprachen und Kulturen – eine Tatsache, die in der viersprachigen Schweiz diverse Aspekte hat. Mit Denise Datta erleben wir, wie im (rein deutschsprachigen) Kanton Baselland alle neu zugezogenen fremdsprachigen Kinder in altersgemischten Integrationsklassen einen für sie ungewohnten Schulalltag meistern lernen, um mit diesem Gepäck den Anschluss an die Normalklasse zu finden. Claudine Brohy und Mitautorinnen stellen ermutigende Erfahrungen mit zweisprachig geführtem Unterricht vor, der im (zweisprachigen) Kanton Wallis Tradition, und auch andernorts Zukunft hat.
Zur Frage der Lesestoffe: Buch, Erstleseheft, Bildschirm, Hypertext? (Zum letzteren siehe Daniel Ammann). Leselehrgang oder nicht? (Die Beiträge von Hans Grissemann und Hans Brügelmann, lesen sich als versöhnlich geführte Kontroverse). Wir lernen Bilderbücher als Prozessauslöser in der Psychotherapie für Erwachsene kennen (Annette Pestalozzi-Bridel, Brigitte Werra). Aus Anlass des Frankfurter Buchmesse-Schwerpunkts Schweiz wirft Gerda Wurzenberger einen nicht ganz schweizerischen Blick auf die Deutschschweizer Kinderbuchszene. Helene Schär als Herausgeberin der Kinderbuchreihe BAOBAB beschreibt den schweren Stand der Kinderliteraturen des Südens, während Anita Müller auf eine kaum bekannte "andere" Schweizer Literatur hinweist, d.h. Werke von in der Schweiz lebenden Erwachsenenautorinnen aus den entsprechenden Ländern.
Lesestoff in Fülle – vom Verschwinden derSchrift keine Spur. Wie reimt sich dieser Befund mit der Angst vor dem Verschwinden der Leser? Laut Bonfadellis empirischer Studie hat sich einerseits der Anteil der Nichtleser unter den erwachsenen Schweizerinnen in den letzten fünf Jahren deutlich erhöht, andererseits sind die Erwartungen ans Lesen höchst differenziert und breit gefächert. Ein Widerspruch? Das Nachdenken darüber sei den Leserinnen, Lesern des vorliegenden Hefts überlassen.
Barbara Helbling, Denise von Stockar, Anna Katharina Ulrich